ISO-Zertifizierung

ISO 17100 oder ISO 18587: Welche Zertifizierung braucht mein Übersetzungsunternehmen?

⏱ Lesezeit: ca. 14 Minuten  ·  Autor: Redaktion LinquaCert

ISO 17100 vs ISO 18587
ISO Norm Übersetzungsbüro
ISO Zertifizierung Sprachdienstleister

Zwei ISO-Normen, ein Ziel – aber grundlegend unterschiedliche Anwendungsbereiche: ISO 17100 regelt den Prozess menschlicher Übersetzungsdienstleistungen, ISO 18587 den Prozess des Post-Editings maschinell erzeugter Übersetzungen. Für Inhaber, Geschäftsführer und Qualitätsmanager von Übersetzungsbüros und Sprachdienstleistern stellt sich deshalb keine akademische Frage, sondern eine strategische: Welche Norm bildet Ihre tatsächlichen Workflows ab – und welche eröffnet Ihnen den grösseren Wettbewerbsvorteil bei Ausschreibungen und anspruchsvollen Kunden?

Dieser Artikel definiert beide Entitäten präzise, beantwortet die häufigsten Fragen zur Abgrenzung und zeigt, wie Übersetzungsunternehmen auf der Basis ihrer konkreten Prozesse die richtige Norm wählen – oder beide Qualitätsnachweise miteinander kombinieren.

Kurz zusammengefasst

ISO 17100 definiert Qualitätsanforderungen an den Prozess menschlicher Übersetzungsdienstleistungen – maschinell erzeugter Übersetzungsoutput mit anschliessendem Post-Editing fällt nicht in ihren Geltungsbereich.

ISO 18587 regelt ausschliesslich das Post-Editing maschineller Übersetzungen und legt Anforderungen an Prozesse sowie Qualifikationen von Post-Editoren fest.

Beide Normen schliessen sich nicht aus – Unternehmen, die beide Workflow-Typen anbieten, können beide ISO-Zertifikate parallel anstreben und damit ihr Leistungsspektrum lückenlos nachweisen.

Markus Kukla, LinquaCert

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⚠ Wichtiger Hinweis

Maschinell erzeugter Übersetzungsoutput, der anschliessend durch Post-Editing bearbeitet wird, fällt nicht unter ISO 17100. Dieser Prozess ist korrekt ISO 18587 zuzuordnen. Wer seinen Kunden Norm-Konformität nach ISO 17100 zusichert, muss sicherstellen, dass der gesamte zertifizierte Prozess ohne maschinell erzeugten Übersetzungsoutput als Grundlage auskommt.

Das Wichtigste in Kürze

01

ISO 17100 = menschlicher Übersetzungsprozess. Die Norm legt fest, welche Qualifikationen Übersetzer und Revisoren mitbringen müssen, wie Projekte zu verwalten sind und welche Prozessschritte – von der Beauftragung bis zur Lieferung – dokumentiert werden müssen.

02

ISO 18587 = Post-Editing maschineller Übersetzungen. Die Norm unterscheidet zwischen Full Post-Editing und Light Post-Editing, definiert Kompetenzanforderungen für Post-Editoren und regelt den Gesamtablauf des Post-Editing-Prozesses.

03

Doppelzertifizierung ist möglich und strategisch sinnvoll. Sprachdienstleister, die sowohl rein menschliche Übersetzungen als auch Post-Editing anbieten, können beide ISO-Zertifikate erwerben und damit ihr gesamtes Qualitätsversprechen lückenlos dokumentieren.

Praxis-Einschätzung der Experten von LinquaCert

„In unserer Arbeit als Zertifizierungsstelle begegnet uns häufig die Annahme, ISO 17100 und ISO 18587 seien im Wesentlichen dasselbe – oder eine davon sei schlicht ‚moderner‘. Das greift zu kurz. Beide Normen haben eigenständige Geltungsbereiche und eigenständige Anforderungen. Die entscheidende Frage für jedes Übersetzungsunternehmen lautet: Welche Prozesse bieten wir tatsächlich an, und wie dokumentieren wir deren Qualität nachvollziehbar? Die Antwort darauf bestimmt, welche Norm – oder ob beide Normen – die richtige Grundlage für eine Zertifizierung bilden.“

— Experten von LinquaCert


1. Was ist der Unterschied zwischen ISO 17100 und ISO 18587?

ISO 17100 und ISO 18587 sind zwei eigenständige internationale Normen für Sprachdienstleister – mit unterschiedlichen Gegenständen, unterschiedlichen Anforderungen und unterschiedlichen Zielgruppen.

ISO 17100 (vollständiger Titel: „Übersetzungsdienstleistungen – Anforderungen an Übersetzungsdienstleistungen“) definiert Mindestanforderungen an den Prozess der menschlichen Übersetzung: Qualifikationen der beteiligten Personen, Projektmanagement, vorbereitende Schritte, eigentliche Übersetzung, Revision, abschliessende Prüfung sowie Lieferung. Der Geltungsbereich der Norm umfasst ausdrücklich keine Prozesse, bei denen maschinell erzeugter Übersetzungsoutput als Grundlage für das fertige Dokument dient.

ISO 18587 (vollständiger Titel: „Übersetzungsdienstleistungen – Post-Editing maschineller Übersetzungsresultate – Anforderungen“) tritt dort an, wo maschinelle Übersetzung den Ausgangspunkt bildet. Die Norm regelt, wie Post-Editoren maschinell erzeugten Übersetzungsoutput bearbeiten, welche Qualifikationen sie nachweisen müssen und wie der Post-Editing-Prozess zu gestalten ist. ISO 18587 ist kein Konkurrent von ISO 17100, sondern ein Pendant für einen technologisch anderen Workflow – beide Normen lassen sich in einem Unternehmen nebeneinander betreiben.

2. Welche Prozesse regelt ISO 17100 für Übersetzungsdienstleister?

ISO 17100 beschreibt den vollständigen Lebenszyklus einer menschlichen Übersetzungsdienstleistung. Sie gliedert sich in Kernprozesse und Ressourcenanforderungen:

  • Vorbereitende Prozesse: Prüfung des Ausgangstext, Abklärung von Kundenvorgaben, Ressourcenplanung, Auswahl geeigneter Übersetzer und Revisoren.
  • Übersetzungsprozess: Erstellung des Zieltexts durch qualifizierte Übersetzer unter Einhaltung der vereinbarten Anforderungen.
  • Überprüfungsprozess: Revision des Zieltexts durch eine von der Übersetzung verschiedene, ebenfalls qualifizierte Person – diese zweistufige Absicherung ist ein Kernmerkmal der Norm.
  • Abschliessende Schritte und Lieferung: Korrekturlesen, finale Qualitätsprüfung sowie dokumentierte Übergabe an den Kunden.
  • Projektmanagement: Kommunikation mit dem Kunden, Verwaltung von Projektdaten, Handhabung von Änderungen und Beschwerden.

Die Norm legt zudem fest, welche technischen und menschlichen Ressourcen ein Übersetzungsdienstleister bereitstellen muss – einschliesslich Anforderungen an interne Mitarbeitende und externe Auftragnehmer. Entscheidend: Alle genannten Prozesse setzen menschliche Übersetzungsleistung voraus. Sobald ein Prozess stattdessen auf maschinell erzeugtem Übersetzungsoutput aufbaut, der anschliessend post-editiert wird, verlässt er den Geltungsbereich von ISO 17100.

3. Welche Prozesse regelt ISO 18587 für maschinelle Übersetzung mit Post-Editing?

ISO 18587 setzt dort an, wo eine Maschine den ersten Übersetzungsentwurf erstellt hat. Die Norm definiert den Post-Editing-Prozess als eigenständige Dienstleistung mit eigenen Qualitätsanforderungen. Sie regelt insbesondere:

  • Prozessanforderungen: Wie ein Post-Editing-Auftrag entgegengenommen, durchgeführt und geliefert wird – von der Analyse des maschinellen Outputs bis zur finalen Übergabe.
  • Qualifikationsanforderungen: Welche fachlichen, linguistischen und technischen Kompetenzen Post-Editoren nachweisen müssen.
  • Unterscheidung zwischen Full Post-Editing und Light Post-Editing (dazu mehr in Abschnitt 8).
  • Anforderungen an den Dienstleister: Vertragsgestaltung, Spezifikation des Ausgangsmaterials, Kommunikation mit dem Kunden über Zweck und Umfang des Post-Editings.

ISO 18587 schreibt keinen bestimmten maschinellen Übersetzungsansatz vor. Die Norm ist technologieneutral: Sie gilt gleichermassen für regelbasierte Systeme, statistische Ansätze und neuronale maschinelle Übersetzung.

4. Für welche Unternehmen ist ISO 17100 die richtige Norm?

ISO 17100 ist die richtige Norm für Übersetzungsunternehmen, deren Kernleistung auf menschlicher Übersetzung basiert. Typische Profile:

  • Übersetzungsbüros und Agenturen, die Fachübersetzungen – etwa in den Bereichen Recht, Medizin, Technik oder Finanzen – durch qualifizierte Übersetzer und Revisoren erbringen.
  • Sprachdienstleister, die mit Kunden aus dem öffentlichen Sektor, dem Gesundheitswesen oder der Industrie zusammenarbeiten, die ausdrücklich menschliche Übersetzungsqualität fordern.
  • Unternehmen, die bei Ausschreibungen einen anerkannten ISO-Qualitätsnachweis vorlegen müssen und deren Leistungsbeschreibung auf menschliche Übersetzungsdienstleistungen zielt.
  • Übersetzungsagenturen, die ihre internen Qualitätsprozesse – insbesondere die zweistufige Übersetzung-plus-Revision-Prüfung – gegenüber Kunden transparent nachweisen wollen.

ISO 17100 ist die am längsten etablierte Norm für Übersetzungsdienstleistungen. Viele Kunden und Auftraggeber kennen sie und fordern sie explizit – besonders in regulierten Branchen. Was die ISO-17100-Zertifizierung für Übersetzungsdienstleister konkret bedeutet und welche Vorteile sie bietet, lässt sich anhand der Normanforderungen und der Marktpraxis gut nachvollziehen.

5. Für welche Unternehmen ist ISO 18587 die richtige Norm?

ISO 18587 richtet sich an Sprachdienstleister, die maschinell erzeugte Übersetzungen als Ausgangsmaterial nutzen und durch Post-Editing zu einem lieferfähigen Zieltext aufbereiten. Typische Profile:

  • Übersetzungsagenturen, die mit maschineller Übersetzung in Kombination mit menschlichem Post-Editing arbeiten und diesen Workflow qualitätsgesichert und normkonform abbilden wollen.
  • Sprachdienstleister, die grosse Volumina mit maschineller Unterstützung bearbeiten und für ihre Kunden Transparenz über den eingesetzten Post-Editing-Ansatz schaffen möchten.
  • Unternehmen, die ihren Kunden belegen wollen, dass auch der Post-Editing-Prozess klaren Qualitätsstandards folgt – und nicht als „schnell und billig“ wahrgenommen werden möchten.
  • Agenturen, die KI-gestützte Übersetzungstools einsetzen und eine normenbasierte Grundlage für ihre Qualitätssicherung suchen.

ISO 18587 ist die jüngere der beiden Normen und gewinnt mit zunehmender Verbreitung maschineller Übersetzungssysteme an Bedeutung. Warum der professionelle Einsatz maschineller Übersetzung und ISO 18587 für Sprachdienstleister immer wichtiger wird, zeigt sich besonders deutlich bei Unternehmen, die ihren Post-Editing-Workflow gegenüber Kunden professionell positionieren wollen.

6. Welche Qualifikationen müssen Übersetzer nach ISO 17100 nachweisen?

ISO 17100 stellt konkrete Anforderungen an die Kompetenzen der beteiligten Personen. Die Norm unterscheidet dabei zwischen Übersetzern, Revisoren und weiteren beteiligten Personen.

Für Übersetzer sieht ISO 17100 einen der folgenden Qualifikationswege vor:

  • Hochschulabschluss in Übersetzungswissenschaft oder einem verwandten Fach, oder
  • Hochschulabschluss in einem anderen Fach sowie mindestens zwei Jahre nachweisbare Übersetzungserfahrung, oder
  • mindestens fünf Jahre nachweisbare Berufserfahrung im Übersetzen.

Für Revisoren gelten dieselben Qualifikationsanforderungen wie für Übersetzer. Zusätzlich verlangt die Norm, dass die Revision durch eine Person erfolgt, die nicht dieselbe ist wie der Übersetzer – das zweite Paar Augen ist ausdrücklich vorgeschrieben.

Der Dienstleister ist verantwortlich dafür, Qualifikationsnachweise zu dokumentieren und auf aktuellem Stand zu halten – sowohl für interne Mitarbeitende als auch für externe Auftragnehmer.

7. Welche Qualifikationen müssen Post-Editoren nach ISO 18587 nachweisen?

ISO 18587 legt für Post-Editoren ein eigenes Kompetenzprofil fest. Die Anforderungen berücksichtigen, dass Post-Editing eine eigenständige Fähigkeit ist – und sich vom klassischen Übersetzen unterscheidet.

Die Norm fordert von Post-Editoren unter anderem:

  • Übersetzungskompetenz: Verständnis beider involvierten Sprachen auf hohem Niveau, analog zu den Anforderungen an Übersetzer nach ISO 17100.
  • Kenntnis maschineller Übersetzungssysteme: Post-Editoren müssen verstehen, wie maschinelle Übersetzungssysteme funktionieren, welche typischen Fehlertypen sie erzeugen und wie diese zu erkennen und zu korrigieren sind.
  • Fachkenntnisse: Je nach Domäne muss der Post-Editor über fachsprachliche Kompetenz im Themenbereich des zu bearbeitenden Textes verfügen.
  • Kenntnis des spezifischen Post-Editing-Auftrags: Post-Editoren müssen die vereinbarten Vorgaben – insbesondere ob Full oder Light Post-Editing gefordert ist – kennen und konsequent anwenden.

Der Dienstleister trägt auch nach ISO 18587 die Verantwortung, Qualifikationsnachweise der eingesetzten Post-Editoren zu dokumentieren.

8. Was versteht ISO 18587 unter Full Post-Editing und Light Post-Editing?

ISO 18587 unterscheidet zwei Bearbeitungsniveaus für maschinell erzeugten Übersetzungsoutput:

Full Post-Editing zielt auf einen Zieltext, der in Qualität und Stil einer menschlichen Übersetzung entspricht. Der Post-Editor bearbeitet den maschinellen Output umfassend: Er korrigiert Fehler auf allen sprachlichen Ebenen – von Grammatik und Syntax über Terminologie bis hin zu Register und Stil. Das Ergebnis soll für den Leser nicht erkennbar von einer menschlichen Übersetzung zu unterscheiden sein.

Light Post-Editing verfolgt ein niedrigeres Qualitätsziel: Der Zieltext soll inhaltlich verständlich und sachlich korrekt sein – sprachliche und stilistische Unvollkommenheiten werden dabei in Kauf genommen, sofern die Aussage klar übermittelt wird. Light Post-Editing eignet sich für Inhalte, bei denen schnelle Verfügbarkeit wichtiger ist als sprachliche Perfektion, etwa bei internen Dokumenten oder kurzlebigen Informationstexten.

Die Norm verlangt, dass die Art des Post-Editings – Full oder Light – im Auftrag klar spezifiziert und dokumentiert wird. Dienstleister und Kunden müssen sich vorab darüber einigen, welches Niveau für den jeweiligen Auftrag gilt.

9. Schliessen sich ISO 17100 und ISO 18587 gegenseitig aus oder ergänzen sie sich?

Die beiden Normen schliessen sich nicht aus – sie haben eigenständige, klar abgegrenzte Geltungsbereiche und können nebeneinander bestehen.

Ein Übersetzungsunternehmen, das sowohl rein menschliche Übersetzungen als auch Post-Editing maschinell erzeugter Texte anbietet, kann für beide Dienstleistungsbereiche jeweils eine eigenständige Norm-Konformität anstreben. Dabei gilt: Jeder zertifizierte Prozess wird der Norm zugeordnet, der er inhaltlich entspricht. Ein menschlicher Übersetzungsprozess wird nach ISO 17100 bewertet, ein Post-Editing-Prozess nach ISO 18587.

Was ausgeschlossen ist: Ein Prozess kann nicht gleichzeitig nach ISO 17100 und ISO 18587 zertifiziert werden. Die Zuordnung richtet sich nach dem tatsächlichen Ablauf – entweder menschliche Übersetzung (ISO 17100) oder Post-Editing maschinellen Outputs (ISO 18587).

10. Wie kompatibel sind die Anforderungen von ISO 17100 und ISO 18587 in der Praxis?

Beide Normen teilen eine gemeinsame Grundphilosophie: Sie setzen auf definierte Prozesse, klare Qualifikationsnachweise und dokumentierte Qualitätssicherung. Das führt in der Praxis zu einer erheblichen Überschneidung bei den Grundstrukturen eines Qualitätsmanagementsystems.

Unternehmen, die eine Zertifizierung nach beiden Normen anstreben, können daher viele Elemente gemeinsam aufbauen: Dokumentationssysteme, Vertragsvorlagen, Qualifikationsnachweise der Mitarbeitenden und Reklamationsmanagement lassen sich so gestalten, dass sie beiden Normen gerecht werden.

Die wesentliche praktische Herausforderung liegt in der klaren Trennung der beiden Prozesspfade: Welcher Auftrag durchläuft den menschlichen Übersetzungsprozess (ISO 17100) und welcher den Post-Editing-Prozess (ISO 18587)? Diese Trennung muss im operativen Alltag zuverlässig abgebildet und dokumentiert sein – sie ist die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Doppelzertifizierung.

Zwei getrennte Prozesspfade für menschliche Übersetzung und Post-Editing

11. Welche Norm ist 2026 für Sprachdienstleister mit KI-gestützten Workflows relevanter?

Die Normenlandschaft für Sprachdienstleister befindet sich in Bewegung. Sowohl ISO 17100 als auch ISO 18587 werden derzeit überarbeitet und weiterentwickelt. Solange keine neue verbindliche Norm veröffentlicht ist, gelten die aktuellen Fassungen beider Normen unverändert – und massgeblich für jede Zertifizierung.

Für die strategische Planung bedeutet das: Wer heute KI-gestützte Workflows betreibt, bei denen maschinell erzeugter Übersetzungsoutput durch Post-Editing aufbereitet wird, ordnet diesen Prozess korrekt ISO 18587 zu. Die zunehmende Verbreitung solcher Workflows lässt erwarten, dass ISO 18587 mittelfristig an Relevanz gewinnen wird.

Es wäre jedoch voreilig, ISO 17100 als überholt zu bezeichnen: Menschliche Übersetzung bleibt in zahlreichen Fachbereichen und bei anspruchsvollen Textsorten die bevorzugte – und von vielen Kunden ausdrücklich geforderte – Dienstleistung. Welche Norm 2026 und darüber hinaus dominiert, hängt davon ab, wie sich die Prozesse der Branche und die Anforderungen der Kunden entwickeln.

12. Welche Zertifizierungsvoraussetzungen gelten für ISO 17100?

Um eine Zertifizierung nach ISO 17100 zu erlangen, muss ein Übersetzungsunternehmen nachweisen, dass es die Anforderungen der Norm in seiner tatsächlichen Praxis umsetzt. Dazu gehören:

  • Dokumentierte Prozesse: Der gesamte Übersetzungsworkflow – von der Auftragsannahme bis zur Lieferung – muss nachvollziehbar dokumentiert sein.
  • Qualifikationsnachweise: Für alle eingesetzten Übersetzer und Revisoren müssen Nachweise über Ausbildung und Berufserfahrung gemäss den Normanforderungen vorliegen.
  • Zweistufiger Prüfprozess: Die Norm verlangt eine von der Übersetzung getrennte Revision durch eine andere qualifizierte Person – dieser Schritt muss im operativen Ablauf fest verankert und nachweisbar sein.
  • Ressourcenmanagement: Der Dienstleister muss zeigen, dass er über die notwendigen technischen und personellen Ressourcen verfügt und diese systematisch verwaltet.

Die Zertifizierungsstelle – im Falle von LinquaCert eine unabhängige Schweizer Genossenschaft, die nach den Grundsätzen von ISO/IEC 17021 arbeitet – prüft im Rahmen eines Audits, ob diese Anforderungen tatsächlich erfüllt und gelebt werden. LinquaCert hält keine staatliche Akkreditierung; die Zertifikate werden auf Basis der eigenen Prüf- und Auditstandards ausgestellt.

13. Welche Zertifizierungsvoraussetzungen gelten für ISO 18587?

Für eine Zertifizierung nach ISO 18587 gelten analoge, aber auf den Post-Editing-Prozess ausgerichtete Voraussetzungen:

  • Dokumentierter Post-Editing-Prozess: Der Ablauf vom Eingang des maschinellen Outputs bis zur Lieferung des post-editierten Textes muss nachvollziehbar beschrieben und gelebt werden.
  • Qualifikationsnachweise der Post-Editoren: Das Unternehmen muss belegen, dass die eingesetzten Post-Editoren die Kompetenzanforderungen der Norm erfüllen.
  • Klare Spezifikation des Bearbeitungsniveaus: Im Rahmen des Auftragsmanagements muss dokumentiert sein, ob Full oder Light Post-Editing vereinbart wurde.
  • Qualitätssicherungsschritte: Der Dienstleister muss nachweisen, wie er die Qualität des post-editierten Texts überprüft, bevor er geliefert wird.

Auch hier erfolgt die Prüfung durch ein Audit seitens der Zertifizierungsstelle. LinquaCert bewertet dabei, ob der dokumentierte Prozess mit dem tatsächlich gelebten Prozess übereinstimmt und ob die Normanforderungen vollständig erfüllt werden.

14. Wie läuft ein Zertifizierungsaudit für ISO 17100 ab?

Der Zertifizierungsprozess bei LinquaCert folgt einem klar strukturierten Ablauf. Er beginnt mit einer unverbindlichen Kontaktaufnahme und einem Angebot, das den Umfang der Prüfung beschreibt. Im eigentlichen Audit für ISO 17100 prüft LinquaCert:

  • Dokumentenprüfung: Überprüfung der vorhandenen Prozessdokumentation, Qualifikationsnachweise und Projektunterlagen auf Konformität mit den Normanforderungen.
  • Gespräche mit Verantwortlichen: Der Auditor führt Interviews mit Prozessverantwortlichen, um zu prüfen, ob die Abläufe verstanden und tatsächlich gelebt werden.
  • Stichprobenprüfung: Anhand konkreter Projekte wird nachvollzogen, ob die dokumentierten Prozesse in der Praxis eingehalten wurden.
  • Auditbericht und Entscheid: Nach dem Audit erhält das Unternehmen einen transparenten Bericht. Bei Konformität wird das ISO-Zertifikat ausgestellt; bei Abweichungen werden Korrekturmassnahmen vereinbart.

Dieser Ablauf ist als LinquaCert-spezifisches Verfahren zu verstehen und nicht als unmittelbare Vorgabe der ISO 17100 selbst. LinquaCert erinnert zertifizierte Unternehmen zudem rechtzeitig an anstehende Erneuerungen des Zertifikats.

15. Wie läuft ein Zertifizierungsaudit für ISO 18587 ab?

Der Auditprozess für ISO 18587 folgt bei LinquaCert demselben strukturierten Grundablauf wie bei ISO 17100, ist jedoch inhaltlich auf den Post-Editing-Prozess ausgerichtet. Der Auditor prüft:

  • ob der Post-Editing-Prozess vollständig dokumentiert ist und dem beschriebenen Ablauf entspricht,
  • ob die Qualifikation der eingesetzten Post-Editoren den Anforderungen von ISO 18587 entspricht und nachgewiesen ist,
  • ob die Unterscheidung zwischen Full und Light Post-Editing im Auftragsmanagement klar geregelt und dokumentiert wird,
  • ob Qualitätssicherungsschritte vor der Lieferung tatsächlich stattfinden und nachvollziehbar sind.

Auch hier gilt: Der beschriebene Ablauf ist als LinquaCert-spezifisches Verfahren zu verstehen. Nach erfolgreichem Audit wird das ISO-Zertifikat ausgestellt; LinquaCert stellt zudem sicher, dass das Unternehmen rechtzeitig über den Erneuerungszeitpunkt informiert wird.

16. Welche Kosten entstehen bei der Zertifizierung nach ISO 17100 im Vergleich zu ISO 18587?

Die Kosten einer Zertifizierung hängen von mehreren unternehmensspezifischen Faktoren ab: Grösse des Unternehmens, Anzahl der zu prüfenden Prozesse, Standort sowie Umfang der bereits vorhandenen Dokumentation. Pauschale Preisangaben würden diese Varianz nicht abbilden – LinquaCert erstellt deshalb auf Basis einer ersten Kontaktaufnahme ein individuelles, unverbindliches Angebot.

Grundsätzlich gilt: Eine Doppelzertifizierung nach ISO 17100 und ISO 18587 bedeutet nicht zwingend den doppelten Aufwand. Wenn beide Normen in einem koordinierten Auditverfahren geprüft werden und das Unternehmen bereits eine gemeinsame Dokumentationsbasis aufgebaut hat, lassen sich Synergien nutzen. Das unverbindliche Erstgespräch mit LinquaCert bietet die Möglichkeit, Aufwand und Kosten realistisch einzuschätzen.

17. Können Übersetzungsbüros beide Normen gleichzeitig zertifizieren lassen?

Ja. Übersetzungsbüros, die sowohl menschliche Übersetzungsdienstleistungen als auch Post-Editing maschineller Übersetzungen anbieten, können beide Normen parallel zertifizieren lassen. LinquaCert bietet diese Möglichkeit an.

Voraussetzung ist, dass beide Prozesspfade im Unternehmen klar voneinander abgegrenzt sind – in der Dokumentation, im operativen Ablauf und in der Kommunikation mit den Kunden. Ein kombiniertes Audit, das beide Normen in einem Verfahren prüft, ist prinzipiell möglich und kann den Gesamtaufwand für das Unternehmen reduzieren. Die konkrete Ausgestaltung wird im Rahmen des Angebotsprozesses mit LinquaCert besprochen.

18. Welche Vorteile bietet eine Doppelzertifizierung nach ISO 17100 und ISO 18587?

Eine Doppelzertifizierung signalisiert Kunden und Auftraggebern, dass das Unternehmen beide wesentlichen Dienstleistungsmodelle der Branche qualitätsgesichert anbietet. Konkrete Vorteile:

  • Vollständige Leistungsabdeckung: Das Unternehmen kann für alle Auftragstypen – vom klassischen Fachübersetzungsauftrag bis zum volumenstarken Post-Editing-Projekt – einen anerkannten Qualitätsnachweis vorlegen.
  • Stärke bei Ausschreibungen: Ausschreibungen, die nach ISO-Norm-Konformität fragen, werden häufig spezifisch: Wer beide Zertifikate vorweisen kann, ist breiter aufgestellt als Mitbewerber mit nur einem.
  • Interne Qualitätssicherung: Der Aufbau beider Normstrukturen zwingt das Unternehmen, seine Prozesse präzise zu definieren und zu trennen – das stärkt die Qualitätssicherung im Tagesgeschäft.
  • Zukunftssicherheit: Angesichts der wachsenden Bedeutung maschineller Übersetzung in der Branche ist eine Positionierung, die beide Workflow-Typen nachweisbar abdeckt, strategisch sinnvoll.

Für Unternehmen, die beide Dienstleistungen bereits anbieten, ist die Doppelzertifizierung kein theoretisches Extra, sondern die konsequente Dokumentation der gelebten Praxis.

19. Welche Norm erkennen Kunden und Auftraggeber stärker an?

ISO 17100 ist die ältere und in der Branche breiter bekannte Norm. Viele Kunden aus regulierten Branchen – Pharmaindustrie, Medizintechnik, Recht, öffentliche Verwaltung – fordern explizit ISO-17100-Konformität, weil sie menschliche Übersetzungsqualität voraussetzen und die Norm als anerkannten Standard kennen.

ISO 18587 ist jünger und noch nicht überall gleich stark verankert. Mit der zunehmenden Verbreitung von Post-Editing-Workflows in der Branche wächst jedoch auch die Nachfrage nach einem anerkannten Qualitätsnachweis für diesen Bereich. Auftraggeber, die grosse Volumina mit maschineller Unterstützung verarbeiten lassen, schätzen den Nachweis, dass auch dieser Prozess normkonform abläuft.

Welche Norm ein konkreter Kunde stärker anerkennt, hängt damit wesentlich von seiner Branche, seinen eigenen Qualitätsanforderungen und der Art der beauftragten Dienstleistung ab. Für viele Übersetzungsunternehmen ist die Antwort deshalb: beide.

20. Wie helfen ISO 17100 und ISO 18587 dabei, neue Kunden zu gewinnen?

Ein ISO-Zertifikat ist kein Selbstzweck – es ist ein Qualitätsnachweis, der im Markt wirkt. Konkret unterstützt eine Zertifizierung die Kundengewinnung auf mehreren Ebenen:

  • Ausschreibungen und Lieferantenqualifizierungen: Viele Unternehmens- und Behördenkunden verlangen in Ausschreibungen explizit ISO-Zertifikate. Wer keines vorweisen kann, scheidet häufig schon in der Vorqualifikationsphase aus.
  • Vertrauen beim Erstkontakt: Ein anerkannter ISO-Qualitätsnachweis schafft beim potenziellen Kunden sofort ein Signal: Dieser Anbieter hat seine Prozesse geprüft und kann Qualität dokumentieren.
  • Differenzierung von nicht-zertifizierten Wettbewerbern: In einem Markt, in dem sich viele Anbieter mit ähnlichen Leistungsversprechen positionieren, ist ein ISO-Zertifikat ein objektiv nachprüfbarer Wettbewerbsvorteil.
  • Internationale Sichtbarkeit: ISO-Normen sind internationale Standards. Übersetzungsunternehmen, die internationale Kunden ansprechen, profitieren davon, dass ihre Zertifizierung sprachübergreifend verständlich und anerkannt ist.

Die Kombination aus ISO 17100 und ISO 18587 eröffnet Sprachdienstleistern die Möglichkeit, ihr gesamtes Leistungsspektrum gegenüber Kunden transparent zu machen – und dabei zu zeigen, dass Qualität nicht davon abhängt, ob ein Mensch oder eine Maschine den ersten Entwurf geliefert hat.

ISO 17100 vs ISO 18587: Entscheidungsübersicht

Kriterium ISO 17100 ISO 18587
Geltungsbereich Menschliche Übersetzungsdienstleistungen Post-Editing maschinell erzeugter Übersetzungen
Ausgangspunkt des Prozesses Ausgangstext → menschliche Übersetzung Maschinell erzeugter Output → Post-Editing durch Mensch
Kernpersonen Übersetzer + Revisor (zwei Personen zwingend) Post-Editor (mit spezifischem Kompetenzprofil)
Bearbeitungsniveaus Kein gestuftes System; Revision ist Pflicht Full Post-Editing und Light Post-Editing
Zielgruppe Übersetzungsbüros mit menschlichen Übersetzungsprozessen Dienstleister mit Post-Editing-/MT-Workflows
Marktbekanntheit Hoch; langjährig etabliert Wachsend; zunehmend nachgefragt
Kombinierbar mit der anderen Norm? Ja – als Doppelzertifizierung möglich Ja – als Doppelzertifizierung möglich
Normenentwicklung Wird überarbeitet; aktuelle Fassung gilt verbindlich Wird überarbeitet; aktuelle Fassung gilt verbindlich
ISO-Zertifizierung für Sprachdienstleister – Normenvergleich und Entscheidungsgrundlage

Frequently asked questions

Kann ich für einen Auftrag gleichzeitig ISO 17100 und ISO 18587 geltend machen?

Nein. Jeder einzelne Auftrag folgt entweder dem menschlichen Übersetzungsprozess nach ISO 17100 oder dem Post-Editing-Prozess nach ISO 18587. Die Zuordnung richtet sich danach, welcher Prozess tatsächlich angewendet wird. Ein und derselbe Auftrag kann nicht unter beiden Normen gleichzeitig zertifiziert sein.

Ist LinquaCert eine staatlich akkreditierte Zertifizierungsstelle?

LinquaCert ist eine unabhängige Schweizer Zertifizierungsstelle in der Rechtsform einer Genossenschaft und arbeitet nach den Grundsätzen von ISO/IEC 17021. LinquaCert hält keine staatliche Akkreditierung. Die ausgestellten ISO-Zertifikate beruhen auf den eigenen Prüf- und Auditstandards der Stelle.

Lohnt sich eine Doppelzertifizierung für kleinere Übersetzungsbüros?

Das hängt davon ab, welche Dienstleistungen tatsächlich angeboten werden. Wenn ein kleineres Büro beide Prozesse – menschliche Übersetzung und Post-Editing – regelmässig anbietet, ist eine Doppelzertifizierung sinnvoll. Wer ausschliesslich einen der beiden Workflow-Typen betreibt, wählt entsprechend nur die passende Norm.

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Ob ISO 17100, ISO 18587 oder beide Normen gemeinsam – die Entscheidung hängt von Ihren tatsächlichen Workflows ab, nicht von einer allgemeinen Empfehlung. LinquaCert begleitet Übersetzungsunternehmen und Sprachdienstleister seit 2003 durch den Zertifizierungsprozess: transparent, unabhängig und mit benchmarkfähigen Auditergebnissen.

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